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Freitag, 28. März 2008

"Bilder" vom Gehirn und was wirklich "dahinter" steckt....

Der Kognitionsforscher Stephan Schleim ist Geisteswissenschaftler und Empiriker zugleich:

Sein Blick, geprägt durch seine Studiengebiete Philosophie, Psychologie und Informatik, ist per se "interdisziplinär". Sein Wissen aus der Informatik und Psychologie führt zu einer besonderen Kompetenz, Versuchsanordnungen in der kognitiven Neurowissenschaft zu konstruieren und zu analysieren. Das informationstheoretische Wissen sorgt dabei für ein vertieftes Verständnis des verarbeiteten Zahlenmaterials und seiner Bedeutung. Der philosophische "Blick" auf die Dinge, unterstützt das Ziel, Untersuchungsergebnisse zu verstehen und angemessen zu interpretieren.

Stephan Schleim sieht den Menschen nicht nur als "Untersuchungsobjekt" der Forschung selbst. Er denkt weiter und fragt sich z.B., inwieweit zufällige Befunde -entdeckt während des Forschungsprozesses - das Leben des Probanden verändern und wie man damit umgehen soll. Ihn interessiert neben seiner Forschung auch die damit verbundenen Konsequenzen (=>"Neuroethik"):

Wie ein Hirnscan das Leben verändern kann
Zufallsfunde - Was tun?

Von dieser "philantropen" Betrachtungsweise profitiert der Leser seines Buches in besonderem Maße:

Neben vielen Fachartikeln hat er ein bislang einzigartiges und erschwingliches Buch (18€!) über die Hintergründe der neurowissenschaftlichen Forschung geschrieben:

Stephan Schleim
Gedankenlesen
Pionierarbeit der Hirnforschung. Vorw. v. Thomas Metzinger u. John-Dylan Haynes

Telepolis Verlag - 18€
ISBN: 9783935931489


Man möchte meinen, dass - angesichts seines breiten wissenschaftlichen Hintergrundes - Sprache und Inhalt zugleich hochwissenschaftlich und damit nicht leicht zugänglich sein könnten. Weit gefehlt: Der Wissenschaftsjournalist und Sachbuchautor Stephan Schleim, schafft den Spagat einer wissenschaftlich fundierten Analyse der neurowissenschaftlichen Theorie, seiner technischen Instrumente und deren Reichweite, verständlich darzustellen.

Bislang ist keines der einschlägigen Bücher im Detail auf die Grundlagen der Hirnforschung eingegangen. Neurowissenschaftler haben häufig Zusammenhänge zwischen Forschungsergebnissen und sozialen Faktoren suggeriert, ohne dass der interessierte Leser die Aussagekraft des Datenmaterials bislang überprüfen konnte. Diesen Aspekt greift Professor Thomas Metzinger (Philosoph) in dem ebenfalls lesenswerten Vorwort zu Stephan Schleim's Buch auf:

Er spricht von "Alarmisten", welche die Erkenntnisfortschritte dramatisieren und damit die mediale Aufmerksamkeit für ihre Hypothesen maximieren, von Missionaren als ideologische Trendsurfer, welche Werbung für das machen, woran sie glauben und von jenen, welche mit ihren "Gedankenlesetechnologien" Geld verdienen wollen. Er kommt zu dem Schluss, dass hier interdisziplinäres "Orientierungswissen" gebraucht wird. Und genau dies bietet das Buch "Gedankenlesen".

Regelmässig leiten verschiedene Forscher aus denselben Daten gegenteilige Hypothesen ab. Zum Beispiel das legendäre "Libet-Experiment": manche hielten es für einen Beweis, andere für eine Widerlegung der Willensfreiheit....

Auf dem deutschen Buchmarkt, ist das Buch "Gedankenlesen - Pionierarbeit der Hirnforschung" bislang das einzige Buch welches über die Hintergründe der Hirnforschung so detailliert aufklärt.

Ich würde den Inhalt des Buches in zwei Sätzen auf den Punkt bringen wollen:

"Ein Blick hinter die Kulissen der Neurowissenschaften - mit welchen Methoden und Versuchsanordnungen kommen Neurowissenschaftler zu ihren Ergebnissen?"

"Hinter die Kulissen" - damit meine ich Stephans Schleims Beschreibung der geschichtlichen Entwicklung der neurowissenschaftlichen Forschungsmethoden, wie z.B. das EEG, Lügendetektoren, PET und MRT.

Dabei wird nicht nur die wissenschaftliche Relevanz der Methoden zum Verständnis der Neurowissenschaft erläutert, sondern auch politische und ethische Fragen diskutiert. So erfährt der Leser, dass Hirnforscher oft selbst vor dem Problem stehen, zu verstehen, was ihre Ergebnisse bedeuten. Der Autor widmet sich den häufig vorhandenen Erklärungslücken zwischen den experimentellen Aufbauten einerseits und den gemessenen Phänomenen andererseits.

Wie lösen Wissenschaftler das Problem, dass unser Gehirn immer aktiv ist und ein ständiges "Rauschen" zu messen ist? Wie mißt man hier einzelne Aspekte "heraus", wie löst man das Problem der zeitlichen Verzögerung in den Gehirnbildern und wie geht man mit den Unmengen Daten um, welche diese Bilder liefern?

Stephan Schleim beantwortet diese Fragen und geht hier bis ins Detail. Er lässt uns Leser die einzelnen Schritte der Forscher vom Untersuchungsdesign bis zur Interpretation der Ergebnisse nachvollziehen. Er lässt uns verstehen, warum viel gelobte Techniken bei weitem nicht das halten können, was sie versprechen. Dennoch berichtet er auch über viele gute Seiten, was die moderne Hirnforschung z.B. für hirngeschädigte Patienten leistet und voraussichtlich noch leisten kann.

Mit dem Hintergrundwissen aus diesem Buch wandelt sich mancher Blick auf Ergebnisse, welche einige "Neurowissenschaftler" wieder als neue "bahnbrechende" Erkenntnis verkaufen (möchten)....

Das Buch "Gedankenlesen" füllt eine Marktlücke: es klärt den Leser darüber auf, was genau "hinter" den Ergebnissen steht und bietet ihm auf diese Weise die Möglichkeit, Ergebnisse aus der Neuroforschung eher in Richtung seines "Nutzens" und seiner "Seriosität" einordnen zu können.

Wer mitreden möchte, kommt daran nicht vorbei.... Selten habe ich ein Buch so "verschlungen" ;-)

Weiterführende Informationen, Aufsätze und Publikationen von Stephan Schleim:

Weitere Rezensionen:
Neue Züricher Zeitung "Der Traum vom Gedankenlesen" Rezension von Wolfgang Skandries
Die eindrücklichen bunten Bilder werden wohl von den meisten Laien nicht richtig verstanden, weil die technischen und statistischen Methoden, die ihnen zugrunde liegen, sehr kompliziert sind. (Zitat aus der Rezension)
Hanoversche Allgemeine Zeitung: Die Gedanken zu fassen bekommen
Sind Gedanken lesbar? Steht uns eine Gedankenkontrolle bevor? Wie zuverlässig sind Lügendetektoren? Lassen sich verborgene Absichten mittels Hirnforschung erkennen? Antworten auf diese und weitere Fragen liefert das Buch „Gedankenlesen - Pionierarbeit der Hirnforschung“.
Frankfurter Allgemeine: "Was geht hinter dieser Stirn bloß vor" Rezension von Helmut Mayer
Wie realistisch ist die Verheißung eines maschinellen „Gedankenlesens“? Ein Phänomen, von dem inzwischen oft zu lesen ist und das bereits einige Unternehmen dazu gebracht hat, Lügendetektoren auf der Basis von Hirnscans in Aussicht zu stellen. Ist es möglich, dass über kurz oder lang die neuronalen Signaturen von Gedanken sich entschlüsseln lassen? Und mit welchen technischen Anwendungen wäre zu rechnen, wenn solches Wissen tatsächlich in Reichweite rückte?

Donnerstag, 21. Februar 2008

H.-J. Markowitsch: Dem Gedächtnis auf der Spur


Nun ist es wieder da: Das Grundlagenbuch, welches ich vielen empfohlen hatte, allerdings zunächst einmal vergriffen war. Über eine erneute Leseranfrage habe ich festgestellt, dass es wohl seit Ende 2007 wieder zu haben ist:

Hans-Joachim Markowitsch beschreibt in seinem Buch wie unser Gedächtnis funktioniert. Die dort dargestellte Gedächtnistheorie geht auf die Schule von Endel Tulving zurück. Prof. Dr. Markowitsch verbrachte mehrere Forschungsaufenthalte bei Prof. Dr. Tulving am Rotman Research Institute in Toronto. Die "Tulving/Markowitsch - Gedächtnistheorie" ist bislang noch die einzige in sich abgeschlossene Theorie über die Funktionsweise des Gedächtnisses beim Menschen. Sie geht zurück auf die langjährige Arbeit der beiden Forscher an Patienten mit Gedächtnisstörungen.

So enthält das Buch - neben spannenden Fallbeschreibungen jener Patienten - auch einen geschichtlichen Abriß auf dem Weg zur Entstehung der heute gültigen Gedächtnistheorie. Obwohl dieses Buch für Laien oft schwer verständliche Inhalte enthält, ist es leicht verständlich und unterhaltsam geschrieben.

Prof. Dr. Markowitsch besitzt neben seinem unstillbaren Forscherdrang und seiner Spezialisierung auf neurophysiologische Vorgänge die Gabe, schwer zu vermittelnde Inhalte methodisch-didaktisch so aufzubereiten, dass auch Leser mit weniger Vorkenntnissen seinen Ausführungen sehr gut folgen können.

Wer, wie ich, die Chance hatte bei ihm zu studieren, weiß, dass seine Lehrveranstaltungen immer hochinteressant und vor allem gut verständlich waren (sind).
Das bei Psychologiestudenten vielfach gefürchtete "schwere" Fach "Physiologische Psychologie" verlor dank seiner Veranstaltungen für viele den Schrecken. Nicht nur ich verdanke ihm mein nicht nachlassendes Interesse an den Neurowissenschaften.......

Das Buch "Dem Gedächtnis auf der Spur" - Vom Erinnern und Vergessen wurde von ihm speziell für Studienanfänger und für die am Thema interessierte "Laienleserschaft" geschrieben. Herausgekommen ist ein Buch, welches sowohl Laien, als auch Fachwissenschaftler mit Gewinn lesen. (Lt. wiss. Studien lesen nämlich auch Wissenschaftler lieber "gut verständlich geschriebene" Bücher ;-))

Inhaltesverzeichnis

  • Gedächtnis
  • Formen und Facetten Gedächtnis in heutiger Sicht
  • Varianten von Gedächtnis bei Tier und Mensch
  • Gedächtnisverarbeitung im Gehirn
  • Anatomie des Gedächtnisses
  • Gedächtnisstörungen nach Hirnschäden und Korrelate funktioneller Bildgebung
  • Beeinflussung des Gedächtnisses durch Psyche und Umwelt
  • Gedächtnisdiagnostik und Gedächtnistrainingstechniken
  • Ausblick: Erinnern und Vergessen
  • Worterklärungen im Glossar
Besonders hervorzuheben ist noch, dass sämtliche Fachausdrücke erklärt werden und diese dank Glossar im Wiederholungsfall nachgeschlagen werden können.

FAZIT:
Ein, nein "das" Buch über das Gedächtnis "gehirn-gerecht" geschrieben

Hans-Joachim Markowitsch
Dem Gedächtnis auf der Spur
Vom Erinnern und Vergessen
WBG-Preis EUR 19,90
Verlagsausgabe EUR 24,90

ISBN 978-3-89678-447-6




Weiterführende Links:

Homepage von Prof.Dr. Markowitsch
Bericht: Erstes Programm - Thema: Plötzlicher Gedächtnisverlust: hier
Gedächtnis und Gedächtnisstörungen. Neuropsychologie des menschlichen Gedächtnisses: hier
Das Ich und die Erinnerung: hier

Samstag, 5. Januar 2008

Buchempfehlung: Lehrbuch zur Entwicklungswissenschaft

Petermann, Niebank, Scheithauer
Entwicklungswissenschaft
Entwicklungspsychologie - Genetik - Neuropsychologie
2004, XVI, 625 S. 182 Abb., 45 Tab., Geb.
ISBN: 978-3-540-44299-8 - 14,95 €

Neu an diesem äußerst preiswerten Lehrbuch ist der interdisziplinäre Ansatz zwischen Methoden und Sichtweisen der Biologie (Genetik & Neurowissenschaften), der Soziologie, der Anthropologie und der Entwicklungspsychologie.

Besonderheiten:
  • Experten und Sichtweise unterschiedlicher Diszipline beschreiben die kindliche Entwicklung
  • Methodisch-didaktische Aufbereitung des Inhalts
  • Überblick zu entwicklungspsychologischen, soziologischen, genetischen, anthropologischen und biologischen Beschreibungsmodellen der kindlichen Entwicklung
  • umfassendes Lehr- und Nachschlagewerk
  • unschlagbares Preis-Leistungsverhältnis
  • hohe wissenschaftliche Qualität
Lieber Leser, Sie sehen bereits an meiner Beschreibung dass ich dieses Lehrbuch sehr schätze. Dank "Google-Books" haben Sie die Möglichkeit, die weiteren Autoren zu erfahren, das ausführliche Inhaltsverzeichnis und etliche Seiten hieraus Probe zu lesen: hier

Von den Autoren wurde eine eigene Webseite zur Entwicklungswissenschaft eingeichtet. In den "Basics" erfahren Sie weitere Hintergründe:
Die Entwicklungswissenschaft (Developmental Science) verbindet Konzepte und Erkenntnisse aus Bereichen, die sich bisher getrennt mit der Erforschung menschlicher und nicht-menschlicher Entwicklung befaßt haben, wie etwa der Anthropologie, Biologie, Kommunikationswissenschaft, Linguistik, Medizin, Psychologie und Soziologie. Dieser interdisziplinäre Ansatz untersucht Individuen und Gemeinschaften über die Lebensspanne mit dem Ziel, die Entwicklung von Individuen mit unterschiedlichem kulturellen und ethnischen Hintergrund, verschiedenen ökonomischen und kognitiven Möglichkeiten sowie Lebensbedingungen zu verstehen.

weiter: hier

Außerdem finden Sie weiterführende Links zum Thema: hier
Alleine die angekündige Rubrik "Materialien" blieb bislang dort unbesetzt.

Der Verlagstext:

Kulturelle Prozesse, soziale Interaktionen, genetische und physiologische Ereignisse - sie alle beeinflussen die Entwicklung des Menschen. Das Lehrbuch der Entwicklungswissenschaft ist interdisziplinär, es zeigt Entwicklung aus der Sicht der Psychologie, Biologie, Soziologie, Kommunikationswissenschaften, Neurowissenschaft und Genetik. Behandelt wird die ganze Bandbreite der menschlichen Entwicklung - eine fundierte und spannende Einführung in die Vielfalt der Entwicklungswissenschaft, die hilft, auch die Psychopathologie der Entwicklung zu verstehen.

Geschrieben für:
Studenten der Psychologie, Medizin, Biologie; Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychologen
Schlagworte:
  • Entwicklungspsychologie
  • Entwicklungspsychopathologie
  • Neurobiologie
Englischsprachige Leser finden im vorangehenden Post weiterführende Informationen und Links.
Buchhinweis auf meiner Homepage: http://neuropaedagogik.de/html/entwicklung.html

Weitere Rezensionen:
Dr. Gabriele Haug-Schnabel, Verhaltensbiologin: hier
Tina Kretschmer, University of Sussex, Tobias Koch, Freie Universität Berlin: hier

Lesertipp von Ralf: Film von Ramachandran

In diesem 23-minütigem englischsprachigem Film sehen Sie Vorträge aus: "Ene kurze Reise durch Geist und Gehirn" zu den Themen Phantomglieder, Capgras Syndrom und Synästhesien. Die Vorträge hält Vilaynur S. Ramachandran auf sehr lebendige, spannende Art und Weise
http://www.ted.com/index.php/talks/view/id/184

Auch wenn Sie Schwierigkeiten haben sollten das nicht ganz akzentfreie Englisch des Autors zu verstehen, lohnt es sich einen Ausschnitt daraus anzusehen. Ich denke Sie bekommen dennoch eine Vorstellung davon, wie lebendig und interessant das Buch geschrieben ist.

Sonntag, 23. Dezember 2007

Die Regie im Gehirn - Wo wir Pläne schmieden und Entscheidungen treffen


Elkhonon Goldberg
Die Regie im Gehirn
Wo wir Pläne schmieden und Entscheidungen treffen
ISBN 978-3-935767-04-0, 1. Aufl. 2002, 341 Seiten, 22 €
Verlagsinformationen zum Buch

Aus dem Vorwort von Oliver Sacks im Buch:
"Wie Lurija hat auch er eine Mischung aus maßgeschneiderten, ausgeklügelten Tests mit einer sorgfältigen naturalistischen Beobachtungsgabe verbunden, wobei er die Verrücktheiten der Frontallappen immer scharf im Blick behielt, und das nicht nur in der Klinik, sondern auch auf der Straße, in Restaurants, im Theater, einfach überall. (Goldberg bezeichnet sich in diesem Zusammenhalg als "kognitiver Voyeur".) Eine außergewöhnliche Phantasie und Einfühlungsgabe durchdringt alles, wenn er versucht , die Welt mit den Augen seiner Patienten zu sehen. Nach dreißig Jahren der Beobachtung und Erfahrung hat er einen Grad an Einsicht erlangt, der, so sollte man meinen, seinen Mentor Lurija entzückt und überrascht hätte."


Goldberg beleuchtet in seinem Buch die vielfältigen Aufgaben der Frontallappen:
  • - hochgradig zielgerichtetes Verhalten
  • - Identifizierung des Ziels oder Anstrebung des Ziels
  • - Organisieren der Mittel, mit denen die Pläne in die Tat umgesetzt werden
  • - Einschätzung und Abwägung der Konsequenzen unseres Handelns

sowie Besonderheiten neurologischer Störungen und deren Zuordnung zu Fehlfunktionen im Frontallappen:
  • - Antriebslosigkeit von Parkinson-Patienten
  • - Impulsivität von Tourette-Patienten
  • - leichte Ablenkbarkeit bei ADHD
  • - Drang zu ständigen Wiederholungen bei Zwangsneurosen
  • - Mangel an Empathie bei Autisten oder chronischer Schizophrenie
Goldberg schildert komplexe Sachverhalte verständlich, nachvollziehbar,lebendig, mit Humor und vermischt mit persönlichen Erfahrungen. Der Leser erfährt seine persönliche wissenschaftliche Entwicklungsgeschichte, welche das Buch richtig spannend werden lässt, weil man quasi selbst in die Rolle des neugierigen Forschers Goldberg "schlüpft".

Die von vielen Neurowissenschaftlern angenommene modulare Struktur des Gehirns stellt Goldberg in Frage. Aufgrund seiner zwanzigjährigen Entwicklungs- und Testphasen, dem Sammeln von umfangreichem Beweismaterial belegt Goldberg, dass die Annahme eines modularen Aufbaus der Gehirnstruktur nicht zutrifft. Er sieht die Struktur des Gehirns als "kognitives Kontinuum" , einen Gradienten:

"Eine sorgfältige Analyse der Folgen einer Schädigung des Neokortex lässt darauf schließen, dass hier nicht mehr einzelne, isolierte Module oder Regionen bestehen, sondern dass sich ein allmählicher Übergang von einer kognitvien Funktion zur nächsten vollzieht, der einer graduellen, ununterbrochenen Bahn entlang des Kortex entspricht." (Zitat Vorwort Oliver Sacks, S. 15)

FAZIT:
Goldberg besticht durch seine Gabe, Wissenschaft unterhaltsam und immer auch kritisch hinterfragend präsentieren zu können. Die biografischen Elemente sorgen für sehr viel Lebendigkeit und wecken auch beim Leser den Forscherdrang und die Neugierde. Das Buch interessiert kognitive Neurowissenschaftler, Neuropsyologen,an den Neurowissenschaften interessierte Laien, Lehrer, und Psychiater / Neurologen, sowie Psychologische Psychotherapeuten.

Goldberg ist außerdem einer der weniger Neurowissenschaftler, welcher sich Gedanken über die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Forschungsinstrumente macht und selbst eigene Interpretationen immer wieder kritisch hinterfragt. (siehe: http://www.neuropaedagogik.de/html/grenzen_.html)

Weitere Rezensionen:
Dr. Markus Fendt: hier

Donnerstag, 20. Dezember 2007

Wer erklärt den Menschen

Carsten Könneker (Hg.)
Wer erklärt den Menschen?
Hirnforscher, Psychologen und Philosophen im Dialog
Broschiert - Fischer (Tb.), Frankfurt (Dez 2006) - 286 Seiten
ISBN 3596173310 - ISBN-13 9783596173310 - 12,95 €

44 namhafte Wissenschaftler aus den Wissenschaftsbereichen der Philosophie, Psychologie, Theologie, Klinische Psychologie, Wissenschaftsphilosophie, Biopsychologie, Kognitionspsychologie, Forensische Psychiatrie, Entwicklungspsychologie, Biologie, Sozialpsychologie, Medizin und des Strafrechts kommen in Könneker's Sammelband zu Wort.
Carsten Könneker (Natur- und Geisteswissenschaftler) ist Chefredakteur der Zeitschrift Gehirn & Geist. Die Breite seiner wissenschaftlichen Ausbildung und sein Bestreben zur Interdisziplinarität spiegelt sich in der Vielfalt der gesammelten Beiträge (aus Gehirn & Geist) wieder. Im Wissenschaftsblog lädt er ein in die Gute Stube, ein Raum für interdisziplinäres Denken....... Wer sich einen Überblick über den Stand der Neurowissenschaften, ihrer verschiedenen Forschungszweige und ihrer Rezeption in den Geisteswissenschaften in gut verständlicher Weise verschaffen möchte, ist mit diesem Band bestens bedient.

Kapitel:
1. Die Biologie des Bewusstseins
2. Die Zukunft der Hirnforschung (Das Manifest)
3. Quo vadis, Psychologie (Psychologie im 21. Jahrhundert - das "Gegenmanifest")
4. Willensfreiheit (u.a. auch Strafrecht und Willensfreiheit)
5. Grenzen der Hirnforschung
6. Neuroethik und Menschenbild

Besonderheiten des Buches:
+ Überblick zum Stand der Neurowissenschaften
+ Meinungsvielfalt
+ Interdisziplinarität
+ konträre Positionen
+ gut verständlich (auch für wissenschaftlich interessierte "Laien" geeignet)
+ gutes Preis-Leistungsverhältnis

FAZIT:
Das Buch bietet einen gut lesbaren Überblick zum Stand der Neurowissenschaften und der damit verbundenen, diskutierten Problemfelder.

Wie interessant, spannend und aufschlussreich das kleine und dabei ganz "große" Taschenbuch "Wer erklärt den Menschen" ist, hat Dr. Michael Blume in seinem Blog "Religionswissenschaften aus Freude" geschildert: Carsten Könneker (Hg.): Wer erklärt den Menschen?

Weitere Rezensionen zum Buch:
Neurobiologin Tagrid Yousef: hier

Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn


Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn.
Vilaynur S. Ramachandran
Rowohlt Tb. (Sep 2005) - 190 Seiten - 8,90€
ISBN 3499619873 - ISBN-13 9783499619878

Der Autor des Buches ist Mediziner und Experimentalpsychologe. Ausgangsbasis seiner in diesem Buch zusammengefassten Vorträge sind neurologische Funktionsstörungen, hervorgerufen durch eine Veränderung in einer winzigen Hirnregion der Patienten. Auch wenn kritische Leser seinen Standpunkt zur Reichweite neurowissenschaftlicher Forschung nicht teilen können, so kommt man nicht daran vorbei sich von seiner Faszination über seine Erkenntnisse zu neurologischen Störungen anstecken zu lassen.

Ramachandran führt den Leser auf verständliche Weise in die faszinierende Welt(en) seines Klientels ein: Menschen mit Phantomgliedern, Synästhesien, visuelle Verarbeitungsstörungen und Capgras-Syndrom.

Skeptiker und Kritiker der modernen Neurowissenschaft dürfen sich bei der Lektüre über die implizit enthaltenen Widersprüche Ramanchandrans "freuen":

[..]jetzt stehen wir vor der größten Revolution - der Erklärung des menschlichen Gehirns. (s.17) [...] Es heißt, es gebe im gesamten Universum keine Struktur, die so komplex organisiert ist wie das menschliche Gehirn...[...] Daraus hat man errechnet, dass die Zahl möglicher Anordnungen und Kombinationen von Gehirnaktivitäten - mit anderen Worten, die Zahl der Gehirnzustände - die Zahl der Elementarteilchen im bekannten Universum übersteigt. (S.18)
Anhänger der "Kein-Freier-Wille-Theorie" finden bei Ramachandran einen Fürsprecher.

Besonders interessant fand ich Ramachandran's Ausführungen zum "künstlerischen Gehirn".

FAZIT: Ein preiswertes, absolut lesenswertes Buch auch für neugierige "Laien" gut geeignet. Ramnchandran schont seine Leser, indem er auf langwierige und anspruchsvolle neurophysiologischen Details verzichtet. Seine neurologischen Ausführungen dürften manchem Facharzt für Neurologie noch Neues bieten.

Publikationen des Autors zum Download: hier

Dr. Grit Vollmer Diplom Biologin: hier

Mittwoch, 19. Dezember 2007

Deutung und Interpretation der hirnphysiologischen Tatsachen




"Denkfehler - Das Dilemma der Hirnforschung" tituliert Thomas Hardtmuth sein Buch zu "reduktionistischen Auffassungen der Hirnforschung (Amthor-Verlag 1996,
19.80 Euro ISBN 3-934104-25-8)

Im Vorwort von Karl Offenhäuser wird treffend beschrieben, was T. Hardtmuth in seinem Buch genauer unter die Lupe nimmt:
"Verführt von ihren spektakulären Ergebnissen haben manche Forscher ihre Wissenschaft durch eine "Gehirnmythologie" gekrönt. Sie haben menschliches Erleben, das von höchster Beglückung bis zur tiefsten Traumatisierung reichen kann, zu biochemischen Vorgängen zusammenschrumpfen lassen"
T. Hardtmuth thematisiert Bereiche der Hirnforschung worüber bis heute noch keine Erkenntnisse vorliegen und die Forscher in ihren "wissenschaftlichen Erklärungsmodellen" schlicht schweigen.
Er beklagt, dass Phänomene der Wahrnehmung, des Denkens, des Bewusstseins und des Geistes etc. aus dem wissenschaftlichen Kontext wegdefiniert werden. So fragt er, meines Erachtens zu Recht:
"Wie aus dem Zusammenwirken von Neuronen, Aktionspotentialen und Neurotransmittern die Qualität des Denkens entspringen soll, bleibt weiter rätselhaft.. [...]..alle Versuche, den Geist aus der Nervenzelle heraus zu erklären, verunglücken letztlich in abenteuerlichen Theorien und wilden Spekulationen."(Zitat S. 22)
Hardtmuth nimmt die experimentelle Grundlage (Libet-Experiment) zur - in den Neurowissenschaften behaupteten - Nicht-Existenz des Freien Willens unter die Lupe und analysiert gekonnt die darin enthaltenen "Denkfehler".

Als Mediziner kennt T. Hardtmuth die " Welt der Anatomie und Physiologie" und damit auch ihre Reichweite. Ein lesenswertes, gut verständlich geschriebenes Buch für alle jene, die sich über die Grenzen der neurowissenschaftlichen Forschung und der (Nicht-) Existenz des freien Willens informieren wollen.

Verwandter Link: Wissenslogs