Freitag, 9. Mai 2008

Sinnloses um ein "sinnleeres" Thema....= Pseudowissenschaftliche Diskussionen um den Freien Willen

........ jeder fühlt sich berufen, das Für und Wider einer Existenz oder Nichtexistenz des Freien Willens zu diskutieren. Jeder, das heißt all jene, welche sich irgendwie mit "Wissenschaft" verbunden fühlen. Zahlreiche Neurowissenschaftler und Philosophen bleiben dieser Diskussion, d.h. besser dieser Diskussionsebene fern.
Bildquelle Pixelio: (c) Lea M.
Hintergrund:

Einige Vertreter der Neurowissenschaften glauben, anhand ihrer Versuche "bewiesen" zu haben, dass der Mensch keinen freien Willen habe.....
Diese haben zu keiner Zeit festgelegt, was sie eigentlich damit meinen. Das heißt, keiner von ihnen hat seine Vorstellung, welche er vom freien bzw. nicht freien Willen hat, definiert. Zu Recht kritisieren "echte" Philosophen daher auch den abstrakten Wortgebrauch. Neurowissenschaftler haben auch noch nie einen Versuch gemacht, welcher beweisen sollte, dass der freie Wille nicht existiere........
Und so wird sich gefetzt, wo es geht, egal aus welchem Wissenschaftsbereich die Gegner und Befürworter kommen, jede Seite behauptet Recht zu haben. Imponierprosa da, Verbalakrobatik hier.....Eine unendliche Geschichte einer pseudowissenschaftlichen Diskussion, welche durch allerlei Blogs und andere Medien geistert und im wissenschaftlichen Gewande Verbalgefechte ohne Ende vom Zaume bricht.

All jene, die dort diskutieren, sprechen von einem "Freien Willen" und wissen doch nicht, was denn nun genau ein "Freier Wille" sein soll. Das hält sie natürlich nicht davon ab, über das was sie eigentlich nicht kennen, dennoch zu diskutieren. Die Kommentare in den Blogs reihen sich in diese oberflächliche, pseudowissenschaftliche Diskussion ein. Gegensätzliche Standpunkte werden ausgetauscht, ohne den wissenschaftlichen Kern zu berühren.....

Es wird so getan, als wüsste man Bescheid, wie genau der Freie Wille, gemessen worden ist. Weder über den Freien Willen, noch über die Messung selbst wird diskutiert. Es scheint so, als habe man regelrechten Spass daran, Scheingefechte und verbale Kriegsspiele mit einem angeblichen Für und Wider einer pseudowissenschaftlichen Nutzung des Begriffes "Freier Wille" durchzuführen. Auch wird sich wechselseitig "unwissenschaftliche" Polemik vorgeworfen, obwohl sich keine der Parteien um eine Operationalisierung und Definition des diskutierten Sachverhaltes kümmert.

Die Diskutanten verhalten sich so, als hätten sie noch nie etwas von empirischer Forschung und Wissenschaftstheorie gehört.

Ich frage mich, warum keiner danach fragt, wie man in diesem Falle den Freien Willen definieren wolle. Ich frage mich auch, warum keiner jene neurowissenschaftlichen Untersuchungen genauer betrachtet, welche nach der Interpretation von wenigen Neurowissenschaftlern, den freien (undefinierten) Willen verneinen soll.

Eine Diskussion um ihrer selbst und nicht um der Sache willen.......

Solange der Freie Wille undefiniert ist und Versuche dazu noch gar nicht entworfen wurden, ist es müßig überhaupt darüber zu diskutieren:

Das heißt, vorab müsste definiert werden:
1. Was versteht man unter einem freien Willen?
2. Wie kann man die Annahme eines freien Willens belegen/widerlegen?
3. Lässt sich der freie Wille überhaupt in einer Laborsituation testen (-> Definition)
4. Was verstehen die Neurowissenschaftler Roth und Singer unter freiem Willen.

ad 1. Welche Definition des freien Willens (in der Philosophie gibt es ja einige unterschiedliche Definitionen) verwenden die Forscher für ihre Interpretation?
ad 2. Wie müsste ein Versuch aussehen, welcher den freien Willen "misst"? Bislang wurden Versuche unternommen, welche ursprünglich nicht zum Ziel hatten überhaupt die Existenz/Nichtexistenz eines freien Willens überprüfen zu wollen.
ad 3. Vorausgesetzt, man hätte sich auf eine Definition des freien Willens geeinigt: reichen die, bislang nur im Labor möglichen, neurowissenschaftlichen Untersuchungsmethoden dafür aus, einen definierten freien Willen zu messen?
ad 4. Bislang habe ich von den beiden noch an keiner Stelle eine Definition darüber gefunden!

Das Reduktionsproblem wird m.E. auf der falschen Ebene analysiert....



Nachtrag zu Wolf Singer's Position: (Video 53 min. lang): Gespräch: Interview mit Wolf Singer

Das Interview zeigt, dass Wolf Singer die innere Konsistenz seiner Position nicht aufrecht erhalten kann. Achten Sie darauf, dass er reine gedankliche Konstrukte beschreibt, ohne explizit darauf einzugehen, aus welcher Art der Hirnforschung er seine Schlüsse zieht. (wir wissen, wir konnten beweisen...etc.)
Ebenfalls auffällig sind die vielen Konjunktive, welche leider oft wieder als "Fakten" rezipiert werden, was er zu Recht auch wieder beklagt, wenn er von der medialen Rezeption seiner Interpretationen spricht.

Das Video zeigt, dass Singer's Vorstellungen vom "Ich" durch seine individuelle, persönliche Anschauung und durch seine Sicht und Interpretation der neurowissenschaftlichen Forschung geprägt ist. Es geht nicht mehr um Empirie oder klare Analyse, nicht einmal mehr um die Interpretation einzelner Forschungsversuche, sondern um die Gestaltung eines ganz persönlichen Weltbildes. Interessant ist, dass dieses Interview auch in latentem Widerspruch zu seinem Interview - gegeben im Rahmen der Komplexitätsforschung - steht: Interview mit dem Hirnforscher Wolf Singer

Da ich mir nicht sicher bin, ob die Aussagen von Wolf Singer - insbesondere zur Frage der Komplexität - ohne die Hintergründe der Komplexitätsforschung verstanden werden können, rate ich dazu, die ausführlichen Hintergrundinformationen und Videos zur letzten Scobel-Sendung auf der 3Sat-Webseite vorab anzusehen: Komplexe Welt
Ein neues Denken ist angesagt.
"Wetterprognosen, Börsenkurse, Teilchenphysik, Strukturen des Gehirns: Jetzt suchen verschie- dene Wissenschaftsdisziplinen gemeinsam nach Antworten..."

Kommentare:

Joachim hat gesagt…

Vielen Dank, ich verstehe jetzt besser den Einwand zu meinem Blog vom 18. April. Wie ist freier Wille definiert? Nun, es mag schwer sein Wille zu definieren, aber frei ist er, wenn das Individuum anders hätte handeln können. Oder besser, wenn es anders hätte wollen können. Insbesondere ist der Wille also nicht frei, wenn er aus den physikalischen Anfangsbedingungen vorausberechnet werden kann. Er ist aber auch dann nicht frei, wenn jede Unberechenbarkeit nur auf Zufallsprozesse beruht.

Eines ist heute klar: Das Gehirn ist bei weitem zu komplex, als das man die Entwicklung von Gedanken vorausberechnen könnte. In dem Sinn ist der Wille frei. Ob er auch prinzipiell nicht determiniert ist, bleibt damit offen. Das ist doch ein beruhigender Gedanke.

Monika Armand hat gesagt…

Hallo Joachim, vielen Dank für Ihr Kommentar, welches das Problem sehr schön umschreibt.

Anonym hat gesagt…

hmmmmmmmm !
zur allgemeinen Beruhigung:
Freier Wille ist und wird immer das bleiben, was jeweils ich dem anderen zugestehe mit dem ich interagiere.
Es ist ein kluges + ausgleichendes Geschenk an jeden anderen.
Einige Leute sind dazu nicht bereit. Die Folgen sind dann "Zwang", "Druck" oder "Stress", aber auch "Besserwisserei", "Rechthaberei".... kennt jeder!
Und das war die Dänmlichkeit der Neuro-Veröffentlicher eines "mangelnden bis nicht vorhandenen" Freien Willens: Sie nehmen allen anderen im Vorwege etwas weg, dass die sich in den heutigen fortgeschrittenen Gesellschaften normalerweise blind zugestehen/gewähren: in der aktuellen Kommunikation mit ihnen (also jeweils hier und jetzt gerade): deren freien Willen, gerade so zu sein und zu handeln wie sie es jetzt tun.
Das ist dämlich, weil sie - kaum dass sie von allen Seiten in höchsten Tönen gelobt werden - mit einem so blöden Vorurteil kommen und sich damit in der Öffentlichkeit sofort wieder uninteressant machen. Nähren den Eindruck sich mit völlig falsch zugeordneten Phänomenbereichen wichtig machen zu wollen. Nicht sonderlich elitemäßig das ist, gell?!

Anonym hat gesagt…

Grüß Gott!

Stolpere gerade so hier rein und weiß nicht, ob ich es so richtig sehe. Die Definitionsarbeit zum freien Willen, respektive die Skizzierung der jeweiligen Positionen unter Einbeziehung der jeweilig diesen Positionen zugrunde liegenden Definitionen kann man bei Geert Keil "Willensfreiheit" nachlesen. Weiß natürlich nicht, ob er geschummelt hat...

Guts Nächtle

Hieronymus Anonymus

Monika Armand hat gesagt…

@ Hieronymus Anonymus
Ja, da könnten sich die Neurowissenschaftler einmal eine Definition aussuchen und damit dann versuchen, aufzuzeigen, wo sie neurobiologische Entsprechungen finden.
Solange Neurowissenschaftler nur "schwammige" Aussagen machen, müssen auch die Diskussionen darüber schwammig bleiben ;-))

buchstaeblich hat gesagt…

In den Hau-und Stech-Diskussionen um den Freien Willen geht es - glaube ich - eher um den Freien Will-Ich-Nicht.
;-)